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Die lange Geschichte eines vergessenen Massakers

18. Oktober 2011

Vor 50 Jahren tötete die Pariser Polizei zwischen 100 und 200 Algerier, die friedlich demonstrierend durch die Hauptstadt zogen. Lange galt die Gewalttat als Tabu. Jetzt tritt der 17. Oktober 1961 nach und nach ins kollektive Gedächtnis ein.  Ariane Chemin

In den siebziger und achtziger Jahren wurde über den 17. Oktober 1661 der Mantel des Schweigens gehüllt. Wer erinnert sich noch an jenen Herbsttag, an dem unbewaffnete und friedlich demonstrierende Männer, Frauen und Kinder in den Straßen von Paris von Polizisten zu Tode geprügelt, in der Seine ertränkt oder an Bäumen aufgehängt wurden? “Das war eines der seltenen Male seit dem 19. Jahrhundert, wo die Polizei auf die Arbeiter in Paris schoss”, sagt der Historiker Benjamin Stora.

In den folgenden Wochen wurden Dutzende tote Algerier mit angeschwollenen Gesichtern aus der Seine geborgen. Benjamin Stora glaubt, dass die blutige Unterdrückung etwa hundert Menschenleben forderte. Der englische Historiker Jim House spricht von “mindestens” 120 oder 130 Toten, Jean-Luc Einaudi, Autor von La Bataille de Paris [Die Schlacht von Paris], von mehr als 150.

An jenem Tag waren “aus Algerien stammende, französische Muslime” einem Aufruf der algerischen Befreiungsfront FLN gefolgt, um gegen die nächtliche Ausgangssperre zu demonstrieren, die vom Pariser Polizeipräfekten Maurice Papon erlassen wurde. Mehr als 20.000 Männer, Frauen und Kinder, die zumeist in den Elendsvierteln der Vororte lebten, marschierten friedlich über die Straßen des Quartier Latin, über die Grands Boulevards und die Champs-Elysées.

Die Schwächsten zu Tode geprügelt

Die polizeiliche Gewalt war unbeschreiblich: Polizisten passten die Demonstranten an Metroausgängen und in den Straßen ab, um sie zu verprügeln und zu beleidigen. “Die Schwächsten unter ihnen, die schon blutverschmiert waren, wurden zu Tode geprügelt. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen”, erzählte Saad Ouazen 1997.

Obwohl sie sich nicht wehren, werden rund zehn Demonstranten erschossen. Andere werden in der Seine ertränkt. Insgesamt werden mehr als 11.000 Algerier verhaftet und im Palais des Sports oder im Stadium Pierre-de-Coubertin interniert. Sie werden mehrere Tage unter abscheulichen Hygienezuständen zusammengepfercht, von Polizisten heftig geschlagen und von ihnen als “dreckige bicots” [Schimpfwort für nordafrikanische Männer] und “Ratten” beschimpft. Die terrorisierten, im Palais des Sports festgehaltenen Menschen trauen sich nicht mehr, auf Toilette zu gehen, denn sie könnten dabei getötet zu werden. Am nächsten Tag meldet die Präfektur offiziell 3 Tote: zwei Algerier und einen Franzosen. Das Lügen hatte begonnen. Das Schweigen gewann bald die Oberhand und hielt mehr als 20 Jahre.

Es wundert Benjamin Stora wenig, dass das Massaker vom 17. Oktober 1961 so lange totgeschwiegen wurde. “In diesen Jahrzehnten gab es [in Frankreich] eine wahre Unkenntnis über die, die man Einheimische oder Einwanderer nannte, das heißt über die anderen. Wie soll man sich mit einer solchen Weltvorstellung für die Einwanderer interessieren, die in den Slums des Pariser Einzugsgebiets leben? Die Algerier waren die ‘Unsichtbaren’ der französischen Gesellschaft.”

Zu dieser öffentlichen Gleichgültigkeit kam in den Monaten nach dem 17. Oktober ein Vertuschungsbemühen seitens der Staatsorgane hinzu. Augenzeugenberichte, die der offiziellen Version widersprachen, wurden zensiert. Die 1962 mit der Unabhängigkeit Algeriens gewährte Amnestie besiegelte letztendlich das Schweigen der französischen Gesellschaft: alle Klagen wurden ad acta gelegt. Trotz der Verschleierung überlebt die Erinnerung an den 17. Oktober hier und da, wenn auch nur vereinzelt und heimlich. Sie bleibt vor allem bei den algerischen Einwanderern der Region Paris lebendig.

Erst die zweite Generation wühlte die Vergangenheit auf

“Diese Männer tauschten sich untereinander aus. Aber die meisten gaben die Erinnerung an dieses Ereignis nicht an ihre Kinder weiter”, erklärt der englische Historiker Jim House. “In den achtziger Jahren wissen sie, dass ihre Kinder in Frankreich bleiben werden. Sie haben Angst, deren Zukunft zu gefährden, wenn sie von der Polizeigewalt erzählen, die sie über sich ergehen lassen mussten.”

Erst die zweite Generation der algerischen Einwanderer kann die Sicht auf die Vergangenheit von Grund auf ändern. Diese jungen Menschen haben die öffentlichen Schulen der Republik besucht. Sie können wählen und sind französische Bürger. Aber sie haben auch das Gefühl, dass die Vorurteile und die Verachtung ihnen gegenüber mit dem Algerienkrieg zusammenhängen.

Nach und nach wird mit der Aufklärung begonnen. In den achtziger Jahren stellt Jean-Luc Einaudi Nachforschungen an. Als sein Buch dreißig Jahre nach dem 17. Oktober erscheint, ist der Schock groß. La Bataille de Paris gibt Stunde für Stunde die Ereignisse wieder, beschreibt das Schweigen nach dem Tag und löst damit eine Debatte über die Unterdrückung der Algerier aus.

Mit diesem und einigen anderen Büchern wird die Erinnerung an den 17. Oktober 1961 wieder in der Öffentlichkeit wachgerufen. Dazu beigetragen haben auch zwei Dokumentarfilme: Le Silence du fleuve [Das Schweigen des Flusses] von Agnès Denis und Mehdi Lallaoui und Une journée portée disparue [Ein vergessener Tag] von Philip Brooks und Alan Hayling. Die damalige Regierung dagegen verteidigte weiterhin die offizielle Wahrheit.

Das fehlende Eingeständnis des Staates

Nach den Historikern und den Verfechtern des Gedenkens an die Opfer meldete sich die Justiz zu Wort. Beim Prozess des ehemaligen Vichy-Politikers Maurice Papon 1997 in Bordeaux beschäftigten sich die Richter auch ausführlich mit den Ereignissen des 17. Oktober 1961. Der mit Jean-Luc Einaudi konfrontierte ehemalige Polizeipräfekt gab schließlich zu, dass es an “dem unglücklichen Abend” etwa “15 oder 20 Tote” gegeben habe, die aber auf einen Vergeltungsakt zwischen Algeriern zurückzuführen seien.

Zum ersten mal bezog die Politik Stellung: Premierminister Lionel Jospin öffnete die Archive. Dem einzig zur Verfügung stehenden Register des gerichtsmedizinischen Instituts zufolge – die meisten Archive der Präfektur und der Wasserschutzpolizei waren auf mysteriöse Weise verschwunden – schloss er 1998 auf die Zahl von mindestens 32 Toten.

Zwei Jahre später verklagte Maurice Papon Jean-Luc Einaudi wegen Verleumdung. Dieses Mal räumte Papon etwa dreißig Tote ein. Das Gericht aber wies die Klage zurück und sprach von einer “seriösen, stichhaltigen und vollständigen” Arbeit Jean-Luc Einaudis. Die Richter stellten fest, dass “bestimmte und relativ zahlreiche Mitglieder der Polizei extrem gewalttätig und von einem Unterdrückungswillen geleitet agiert haben.”

Die offizielle Version des 17. Oktober ist nun ein Scherbenhaufen. Die Zeit des Gedenkens ist gekommen. Anlässlich des vierzigsten Geburtstages 2001 brachte der Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoë auf der Saint-Michel-Brücke eine Tafel an: “Im Gedenken an die zahlreichen Algerier, die bei der blutigen Unterdrückung der friedlichen Demonstration vom 17. Oktober 1961 getötet wurden”. In der Pariser Region erinnern etwa zwanzig Gedenktafeln und -steine an jene Herbsttage. Das Puzzle der Erinnerung wurde vielleicht wieder zusammengesetzt. Aber für viele fehlt noch ein Teil: das Eingeständnis des Staates. Aus dem Französischen von Martina Ziegert Quelle: presseurop.eu

Was Sie nicht wissen sollen

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From → D(Ä)MOKRATIE

One Comment
  1. Nonkonformer permalink

    Darauf zu hoffen, daß der frz. Staat die Schuld eingesteht, ist vergeblich!
    Bezüglich an Deutschen begangenen Kriegsverbrechen durch frz. Partisanen (Marqusiards)
    werden wir auch nie etwas von ihnen hören!
    Ich erinnere trotzdem an die abscheulichen „Abschlachtungen“ deutscher Schwerverwundeter
    an der Invasionsfront im Juni/Juli 1944 in der Normandie oder Bretagne! Dort wurden deutsche
    Sankas, die ohne Bedeckung, weil ja die Soldaten an der Front dringend gebraucht wurden,
    auf der Fahrt zum Hauptverbandsplatz hinterhältig von frz. Partisanen angegriffen, Sanitäter
    und Schwerverwundete bestialisch ermordet, das „Rote Kreuz“ half gar nichts!
    Oder an die ermordeten ca. 180 deutschen Landsturmmänner in Tulle, einem kleinen Städtchen
    hinter der Invasionsfront. Die Kleinstadt weit im Hinterland der Normandie wurde von einer Kompanie alter Männer zwischen 45 u. 55 in einer Kaserne „gesichert“, als im April 1944 über
    400 Partisanen die kleine Kaserne angriffen. Da der Kampf gegen diese Übermacht aussichtslos
    schien, übergab der 65-jährige Kompaniechef, ein Reservehauptmann, dem Führer der Partisanen
    die Soldaten mit der Zusicherung, sie als Kriegsgefangene ehrenvoll zu behandeln. Ergebnis:
    die etwa 150 noch etwa Lebenden wurden auf dem Kasernenhof per MG niedergemäht,
    einigen Halb- oder Ganztoten wurden durch weibl. Partisanen das Geschlechtsteil abgeschnitten
    und in den Mund gesteckt. Zur Sicherheit wurden etliche auf dem Boden liegende Soldaten
    noch mit Lkws überfahren.
    Kein Deutscher darf ohne Gefahr für Leib und Leben, seine Existenz, seinen Ruf, diese „Sach=
    verhalte“ veröffentlichen!
    Wann wird die Wahrheit siegen?

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