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Weihnachten 1914 Westfront – Sie sangen „Stille Nacht“ – und die Waffen schwiegen

16. Dezember 2011

Merry Christmas

Erster Weltkrieg: 1914 feierten Feinde an der Westfront gemeinsam Weihnachten. Deutsche, Briten, Franzosen krochen aus ihren Schützengräben in Flandern, tranken Wein, spielten Fußball und ließen drei Tage lang den Krieg – Krieg sein. Quelle und Video: weltkrieg.cc

Dezember 1914, im Westen nichts Neues: Die Truppen des Deutschen Reiches haben sich in Sichtweite ihrer Gegner – Engländer, Franzosen, Belgier – in Schützengräben, bekränzt von Stacheldrahtverhauen, tief in den Lehmboden eingebuddelt. Die anderen halten es ebenso. Die Frontlinie des Stellungskrieges reicht vom Ärmelkanal bis zur Schweizer Grenze.

Wie zwei blutrünstige Ungeheuer liegen sich die feindlichen Heere gegenüber. Oft nur hundert Meter voneinander entfernt. Doch in diesen Todesstreifen des Grauens geschieht Unglaubliches. Frieden bricht aus mitten im Krieg.

Anfangs ist es nur einer, der „Stille Nacht, Heilige Nacht“ vor sich hin singt. Leise klingt die Weise von Christi Geburt, verloren schwebt sie in der toten Landschaft Flanderns. Diesseits des Feldes, hundert Meter von diesem unsichtbaren Chor entfernt, in den Stellungen der Briten, bleibt es ruhig. Die deutschen Soldaten aber sind in Stimmung, Lied um Lied ertönt ein ungewöhnliches Konzert aus Tausenden von Männerkehlen rechts und links, wie einer nach Hause schrieb, bis denen nach „Es ist ein Ros‘ entsprungen . . . “ die Luft ausgeht. Als der letzte Ton verklungen ist, warten die Engländer drüben noch eine Minute, dann beginnen sie zu klatschen und zu rufen „Good, old Fritz“, und „Encore, encore“ und „More, more“. Zugabe, Zugabe.

Die derart hoch gelobten Fritzens antworten mit „Merry Christmas, Englishmen“ und „We not shoot, you not shoot“, und was sie da rufen, das meinen sie ernst. Sie stellen auf den Spitzen ihrer Brustwehren, die fast einen Meter über den Rand der Gräben ragen, Kerzen auf und zünden sie an. Bald flackern die, aufgereihten Perlen gleich, durch die Finsternis. Den Anstoß geben ausgerechnet die Deutschen, die den Ersten Weltkrieg im August begonnen hatten. Pappschilder werden hochgehalten, erst hüben dann drüben, „Merry Christmas“ oder „Frohe Weihnachten“. Durch Gräben und Bunker verbreitet sich die Nachricht vom Frieden in Flandern. Soldaten aller Nationen legen ihre Waffen nieder und feiern gemeinsam Weihnachten. In den Stacheldrähten und auf den Gräben stehen sogar Tannenbäume, beleuchtet von Kerzen. Die Feinde singen Weihnachtslieder, beschwören Christmas und Weihnachten und Noèl und die Verheißung Peace, Frieden und Paix.

Am nächsten Tag werden die Toten, die seit Wochen unbestattet im Niemandsland liegen, mit einem gemeinsamen Gebet zur ewigen Ruhe gebettet. Im Tauschhandel wechseln Tabak und Pfeifen, Plumpudding und Zigarren, Rum und Bierfässer, Schnaps und Wein die Fronten. Die Männer, die sich am Tag zuvor noch belauerten, zeigen sich die Fotos ihrer Familien, reden über ihre Sehnsucht, daß dieser verdammte Krieg enden möge. Es finden sogar Fußballspiele statt.

Ehre sei Gott in der Höhe, Friede den Menschen auf Erden, verheißt das Evangelium für diesen Tag. Aber in offenbar gewordener Abwesenheit eines Höheren auf Erden beschließen Deutsche und Briten spontan, Franzosen und Belgier zögernd, an Weihnachten, ohne auf Gottes Segen zu warten, nicht aufeinander zu schießen.

Einen solchen Frieden von unten gab es noch nie in der Geschichte eines Krieges. Es hat niemals wieder einen gegeben. Der sächsische Offizier Georg Reim vertraute seinem Tagebuch an, alle Gedanken an Kampf, an Haß der Völker seien plötzlich vergessen gewesen. „Wir fühlten uns dabei glücklich wie die Kinder.“

Ein englischer Kanonier von den London Rifles empfindet zwar ähnlich, glaubt allerdings, die drüben seien verrückt geworden. Sogar Petroleumlampen statt Kerzen halten die Deutschen hoch, sich selbst beleuchtend, unter normalen Verhältnissen ein freiwilliger Abschied vom Leben. Eine Einladung für Scharfschützen. Ein Mann aus seiner Kompanie scheint ebenfalls verrückt zu sein. „One of the nuts belonging to the regiment got out of the trench and started to walk towards the German lines“ – dieser Irre, der einfach über die Brüstung klettert und Richtung deutscher Linien geht, trifft inmitten des Niemandslands auf einen Deutschen.

Ist jener Irre vielleicht der Schütze Turner? Er gehört zu den London Rifles. Er nimmt am ersten Weihnachtstag seine Pocket Camera mit ins Niemandsland und wird ein Foto machen, das auf einen Blick den wunderbaren Frieden sichtbar macht. Turner fotografiert zwei Deutsche und zwei seiner Kameraden. Die vier stehen zusammen und blicken auf ihn, auf Turner. Wer war Turner? Sein Äußeres beschreiben immerhin kann man, denn auf einem anderen Foto ist er selbst zu sehen. Er steht zwischen zwei lachenden deutschen Offizieren, dem einen, Stabsarzt, platzt fast die Manteltasche von dem, was er gerade eingetauscht hat. Beide gehören zu einer sächsischen Einheit. Der eine zum 104., der andere zum 106. Infanterieregiment. Der Mann mit dem verlorenen Blick hinter runden Brillengläsern trägt eine weiche wollene Mütze, einen Mantel aus Ziegenfell, um den Hals hat er einen dicken Schal geschlungen, es scheint wirklich ziemlich kalt zu sein. Die Ärmel seines Pullovers hat er so weit heruntergezogen, daß sie die Knöchel seiner Hände berühren. Oder sind es Handschuhe, die abgeschnitten wurden? Die Finger jedenfalls sollen frei bleiben, die muß er bewegen können. Nicht wegen der Zigarette, die er in der rechten Hand hält. Er muß den Auslöser seiner Kamera bedienen.

Das Foto, das Turner an diesem ersten Weihnachtstag 1914 macht – schießt sollte in diesem Zusammenhang nicht genannt werden, was er tut – ist berühmt geworden. Es zeigt einige Soldaten im Niemandsland.

Deutsche und Briten am Vormittag des 25. Dezember 1914, also noch vor dem nachmittäglichen Fußballmatch. Turner fotografiert die Gruppe auf dem Acker, auf dem sich die Sachsen mit den Schützen von der London Rifles Brigade treffen. Einer ist Rifleman Edward Joseph Andrew von der London Rifle Brigade. Der andere heißt J. Selby Grigg.

J. Selby Grigg beschreibt in einem Brief an seine Eltern, wie es zu diesem Bild kam, zum Wunder der Verbrüderung im Niemandsland mitten im Krieg. In seinen Worten:

„Nach Tagesanbruch am Christmas Day machten sich kleine Gruppen aus ihren Schützengräben auf, alle waren unbewaffnet, und wir hörten, wie ein deutscher Offizier versprach, sie würden nicht schießen, wenn wir es auch so hielten. Als Turner und ich uns aufmachten, fanden wir eine Menge von hundert Soldaten aus allen Nationen, die sich zwischen den Gräben versammelt hatten. Wir erfuhren, daß unsere Feinde Sachsen waren. Meist unter einundzwanzig und über fünfunddreißig. Ich kratzte mein rusty german zusammen und unterhielt mich mit einem. Keiner hatte eine persönliche Animosität gegen England, alle sagten, sie seien jolly, also glücklich, wenn der Krieg endlich vorbei sein würde. Turner took some snaps with his pocket camera, von denen ich hoffe, daß ihr sie eventually sehen werdet. Ich erhielt einen Uniformknopf, einige deutsche Munition und eine deutsche Feldpostkarte, auf die der Besitzer seinen Namen und seine Adresse geschrieben hatte. Ich schicke es hier mit. Bitte bewahre es sorgfältig für mich auf. Einer, der gut englisch sprach, erzählte, daß er Kellner im Savoy gewesen sei.“

Den Herren des Krieges auf beiden Seiten in den Generalstäben, weit ab von jedem Schuß, wird nach drei Tagen die weihnachtliche Ruhe unheimlich. Es droht daraus ein Frieden, beschlossen von unten gegen oben, zu wachsen. Das ist oben nicht erwünscht. Der Krieg dauerte noch viele Jahre und kostete rund neun Millionen Menschen das Leben. Das Wunder im Niemandsland blieb bis heute in allen Kriegen einmalig.

Der Journalist und Abendblatt-Kolumnist Michael Jürgs hat diese Geschichte ausführlich in seinem Buch „Der kleine Frieden im großen Krieg“  veröffentlicht. Quelle:  abendblatt.de

Der Weihnachtsfriede 1914 – Video bei Weltkrieg.cc

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